Placebo und Placeboeffekt

Psychologie
Medikamente
Autor:in

Anette Pohlmeier

Veröffentlichungsdatum

1. Oktober 2025

Der Urlaub ist zu Ende, man will den mitgebrachten Wein nochmals zur Erinnerung genießen und merkt - er schmeckte im Urlaub einfach besser, der Espresso ist in Italien einfach köstlicher und den besten Cognac der Welt habe ich nach meinem medizinischen Examen mit meinen Kommilitonen getrunken – einen Mariacron. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Phänomen begann im Zweiten Weltkrieg. Auslöser war eine Beobachtung des Militärarztes Henry Beecher. Er sah, wie eine Krankenschwester einem verwundeten Soldaten eine Kochsalzlösung spritzte, weil das Morphin knapp geworden war. Dem Kranken ging es trotzdem besser, die Schmerzen waren reduziert. Daraufhin begann Dr. Beecher sich genauer mit der Wirkung von Placebos und dem Placebo-Effekt zu beschäftigen. Placebos sind Medikamente, die wie Originalpräparate aussehen aber keinen Wirkstoff, sondern meist nur Füllstoffe, wie Milchzucker, Stärke oder, im Falle von Infusionen, eine Kochsalzlösung enthalten. In der klinischen Forschung werden Placebos meist doppelblind eingesetzt. Das bedeutet, dass weder Arzt/in noch die Patientin wissen ob sie ein „Verum“, also ein eigentliches Medikament, oder ein Placebo erhalten. Das zu testende Medikament gilt dann als überlegen, wenn es eine deutlich bessere Wirkung zeigt als das Placebo. Werden mehrere Medikamente gegeneinander (und als drittes ein Placebo) getestet, ist die Placebo Wirkung noch deutlicher ausgeprägt. Placebo-Infusionen wirken besser als Placebo-Kapseln und diese wiederum besser als Placebo-Tabletten. Blaue Placebo-Tabletten verbessern den Schlaf besser als pinke. Rote Placebos sind antriebssteigender als grüne. Zwei Placebos wirken besser als eins, teure wirken besser als billige Placebos. Neben Medikamenten wurden auch Infusionen, Akupunkturen, ja selbst Placebo Operationen getestet. Eine sehr berühmte Studie wurde 2002 zu Kniegelenksoperationen durchgeführt. Im Operations-Saal wurde mit Kochsalzlösung hantiert, um so eine Spülung des Kniegelenkes vorzutäuschen, dazu kamen Spülgeräusche vom Tonband. Die Haut wurde dort eingeritzt, an der das Endoskop normalerweise eingeführt wird. Das Innere des Kniegelenks wurde nicht berührt. Die “OP-Zeit“ blieb unverändert. Beide Gruppen (die echten Operationen und die Schein-Operationen) erhielten postoperativ die gleiche Behandlung mit Physiotherapie, Mobilisation, medizinischer Therapie usw. Zu keinem Untersuchungszeitpunkt (6, 12 und 24 Monate) ließ sich ein Unterschied zwischen der Scheinoperation und der Kniegelenksspülung bzw. der Knorpel-Glättung finden. Nach heutigem Wissen beruhen die Placeboeffekte auf den Erwartungen, die der Patientin an das Scheinmedikament hat, sowie der Glaube an dessen heilende Wirkung. Placebos wirken selbst dann, wenn die Patienteninnen wissen, dass sie ein Placebo einnehmen. Die Ausschüttung von körpereigene Opiaten und Hormonen sowie Veränderung der Immunantwort beruht auf neurobiologischen Reaktionen (ähnlich wie beim Pawlowschen Hund). ABER: Keine Behandlung ist ohne Nebenwirkungen, die man bei Placebos als den Nocebo- Effekt bezeichnet. Unvorsichtige Äußerungen, ärztliche Kommentare wie „Ihre Wirbelsäule ist 10 Jahre älter als Sie“ und angstauslösende Berichte von anderen Betroffenen oder negative eigene Erfahrungen können den Nocebo-Effekt verstärken. Auch die im Beipackzettel genannten Nebenwirkungen eines Medikaments treten häufiger auf, sofern der Patientin diese Informationen gelesen hat. Negative Berichterstattung zu medizinischen Themen durch Medien, insbesondere auch Social-Media lösen Angst aus und fördern den Nocebo-Effekt. Ehrliche Aufklärung, vertrauensvolle Zusammenarbeit und klare, balancierte Informationen über Risiken und Nutzen einer Therapie verringern den Nocebo-Effekt und fördern die Wiederherstellung der Gesundheit.